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10. Mai 2008

Hobbymusiker zieht es ins Amtsgericht

Jam-Session in altem Justizgebäude in Böblingen

Böblingen - Das Alte Amtsgericht in Böblingen gilt als kleiner Geheimtipp. Hobbymusiker aus der ganzen Region jammen hier nach Herzenslust.

VON HANS SIEDANN

Jammen definiert der Duden als "zwanglose Zusammenkunft von Musikern zum gemeinsamen Spiel". Die Musikerinnen und Musiker, die einmal alle zwei Monate im Keller des Schlossbergs 11 zusammenkommen, haben dabei nur eins im Sinn: Spaß - für sich und ihr Publikum. Und wenn Richtung Mitternacht die Stimmung kocht in dem altehrwürdigen Gemäuer, dann ist klar: Nächstes Mal kommen alle wieder.

"80 Prozent der Auftretenden sind Wiederholungstäter, 20 Prozent neu", grinst Gregor Neaga. Der selbstständige IT-Experte moderiert die Musik-Session seit zehn Jahren. Doch nicht nur am Mikro ist der 60-Jährige ein guter Unterhalter. Erst recht, wenn er zur Gitarre greift und Mutige begleitet, ist er ein Ass. Ob Clapton oder Hancocks "Watermelon Man": Neaga hat die Akkorde und Harmonien drauf. Wenn nicht, reicht ein Wink auf die Tonart, alles andere ergibt sich von selbst.

Mittwochabend, 20 Uhr. Die Stühle an den Bistro-Tischchen sind noch spärlich besetzt. Doch es braucht keine zehn Minuten und die Auftritts-Liste, die Neaga führt, ist proppenvoll. Zwischen 21 und 24 Uhr haben sich im viertelstündlichen Wechsel zum Beispiel angesagt: Angie, die zu ihrer Konzertgitarre mit viel Pathos John Lennons "Imagine" singen wird; Exil-Ire John Dallas, der von Whiskey und Wehmut und Kämpfen erzählt, und eine Gruppe namens Zartbitter, die vor 60 Zuhörenden das tut, was viele hier tun: Lieder berühmter Sänger/Songwriter covern.

Dr. Bernie Burn, so sein Künstlername, greift zum "Goschenhobel". Wo Cowboys einen Patronengurt um die Hüfte tragen, hat der kleine Mann im schwarzen Anzug und Hut eine Armada von Mundharmonikas versammelt. Vom Siedepunkt ist man nun nicht mehr weit entfernt. Jetzt, wo ein Dutzend Aktivisten auf der Bühne alles geben. Ulf an den Congas etwa oder Jörg Beirer am weißen Klavier.

Beirer ist so ein Typ, den man gehört und gesehen haben muss. Schwäbische Comedy und Dialekt-Spontanitäten sind sein Markenzeichen, ganz gerne gereimt: "Heb de, Heinz, onser Sofa fährt nach Mainz." Auch "Uff de schwäb’sche Eisebahna" vertont der Langmähnige wie kein Zweiter.

Wie lange es die Jam-Session (www.pagita.de) in Böblingen eigentlich gibt - genau weiß das keiner. 15 Jahre etwa soll es her sein, dass ein gewisser Martin Krüger, Architekt und Boogie-Woogie-Pianist, die zwanglosen Partys aus der Taufe gehoben hat. Das war seinerzeit im legendären Oberhaus im Künstlerviertel. Schon damals war der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete und Kulturaktivist Werner Grunert mit von der Partie. Ein Mann, der mit seinem schlohweißen Haar und hellwachem Geist auf die 87 zugeht und dennoch keiner Session fernbleibt.

Warum die Veranstaltungsreihe so erfolgreich ist? Warum sie aus dem Raum Ludwigsburg ebenso herströmen wie aus Stuttgart oder Ulm? Werner Grunerts Erklärung: "In der Fremde probiert man aus, ob man in der Heimat bestehen kann. Besser, man blamiert sich auswärts als vor lokalem Publikum . . ."

Die Musiksession im Alten Amtsgericht, Schlossberg 11, in Böblingen findet jeweils am zweiten Mittwoch in ungeraden Monaten statt, das nächste Mal also am Mittwoch, 14. Mai, um 20 Uhr.

10.05.2008 - aktualisiert: 10.05.2008 05:16 Uhr

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